Walter Raasch

Rundreise - Das Sprühhalsband

Rundreise - Das Sprühhalsband


Eine gute Freundin, Susanne, hatte vor einigen Jahren Probleme
mit der Jagdleidenschaft ihres Hovawarts.
Sie hatte von, den damals neuen, Sprühhalsbändern
gehört und wollte sie testen.
Vertrieben wurden die Dinger von einer Hundetrainerin
in Bochum.
Neugierig wie ich bin begleitete ich Susanne.

Als wir vor dem gesuchten Reihenhäuschen ankamen,
erwartete die Trainerin uns schon.
Sie bat uns den Wagen doch etwas weiter entfernt zu
parken, da ihre Hunde sich bei Ansicht anderer Vierbeiner
sehr aufregen würden.
Etwas verwirrt kamen wir ihrer Bitte nach.
Nun bat der weibliche Hunde Coach ins Haus und führte uns
in einen großen spartanisch eingerichteten Raum.
Links von der Tür stand eine Kommode mit
einem sehr kleinen Fernseher.
Ich überlegte wie man auf dem Teil ein Eishockey
Spiel sehen wollte.
Auf normalen Geräten verliert man leicht
den Puck aus den Augen, bei diesem Bildschirm
hätte man Probleme die Spieler zu erkennen.
Dann gab es noch eine ungewöhnliche Sitzecke.
Einen Küchentisch um den drei Küchenstühle
und ein richtiges Großvatersofa drapiert waren.
Die Damen entschieden sich für die Stühle,
ich nahm die Couch.
Ein Fehler, das Sitzmöbel war eindeutig nicht
für große, kräftige Männer ausgelegt.
Ich sackte tief ein und hockte, I-Dötzchen mäßig,
vor dem Küchentisch.
Mein Adamsapfel war etwa auf Höhe der Tischkante.
Wir wurden gefragt ob wir Kaffee trinken wollten.
Susanne lehnte instinktiv ab, ich bejahte.
Noch ein Fehler.
Unsere Gastgeberin stand auf, ging in die Küche und kam umgehend mit zwei
Tassen zurück.
Der Kaffee war also schon fertig gewesen.
Ich trank einen Schluck.
Mir wurde klar, dass er wohl schon gestern oder vorgestern fertig gewesen sein musste.
Irrsinnig stark und unglaublich bitter.
Nach einem weitern Schluck, rief ich mir die
Krankenhäuser der Umgebung ins Gedächtnis.
Welches verfügte über einen namhaften Herz Spezialisten ???
Während ich nachdachte war ich tiefer ins Sofa gesackt.
Jetzt war mein Kinn auf Höhe der Tischkante.
Durch den Kaffee nervös geworden,
überlegte ich ob schon viele weitestgehend unschuldige
Männer in diesen Sofaritzen verschollen waren.
Als meine Nase die Tischkante berührte,
stemmte ich mich aus dem Plüsch gewordenen
Bermuda Dreieck hoch.
Da es außer einem Bücherregal nichts zu begucken gab,
sah ich mir stehender weise die Trainerin genauer an.
Wenn aus ihren Augen auch nur ein Fünkchen Intelligenz
geblitzt hätte, wäre sie ganz hübsch gewesen.
Sie hatte eine ungewöhnliche Angewohnheit.
Während sie mit Susanne über Hunde fachsimpelte,
stand sie alle Nase lang auf, lief zum Bücherregal,
schnappte ein Buch, schlug eine Seite auf,
und las den Satz den sie gerade selbst
gesagt hatte noch einmal vor.
Dann zeigte sie Susanne die betreffende Zeile,
mit dem Hinweis, dass Autor Soundso das auch so sehe.
Mir kam der Verdacht, dass die Trainerin in zwei
Zentner willkürlich ausgewählte Hundebücher
investiert hatte und darauf ihre weitere
Karriere aufbauen wollte.
Nun kam ein ziemlich kleiner Mann, der einen kräftigen
Rottweiler an der Leine hielt, herein.
Er sah ein wenig wie Antonio Banderas nach mehreren
verlorenen Kneipenschlägereien aus.
Auch er hätte hübsch sein können,
wenn nicht sowohl der Jochbein- als auch der
Nasenbruch gewirkt hätten, als wenn er sie zu Hause
in Heimarbeit gerichtet hätte, was der Symmetrie seines
Gesicht sichtlich geschadet hat.
Er begrüsste uns und sagte dann zu seiner Frau:
" Ich gehe mit Ricky spazieren, Rocky ist im Garten
und Ronnie ist noch oben. Tauscht du die beiden
später aus??"
Einfallsreiche Namensgebung.
Wie würden sie ihre Kinder nennen???
Tick, Trick und Track???
Als der Latino gegangen war, drängte ich darauf das
Sprühdingens mal auszuprobieren.
Wir holten die Hunde aus dem Auto
und gingen in einen nahe gelegenen Wald.
Hovi bekam das Sprühhalsbang angelegt,
wurde abgeleint und verschwand nach einigen
Minuten wunschgemäß auf einer Spur im Unterholz.
Susanne sollte nun den Hund rufen und bei ausbleibendem Erfolg
die Fernbedienung betätigen.
Hat sie gemacht und kurz darauf kam ihr Liebling munter wedelnd angerannt.
Die Trainerin war völlig aus dem Häuschen
und bekam feuchte Augen vor Glück aufgrund des gewünschten aber scheinbar unerwarteten Erfolges.
Bis ich ihr sagte, dass der Hund zwar wieder da sei
aber leider ohne Halsband.
Jetzt biss sie sich in Stummfilmmanier vor Verzweiflung
auf die Knöchel ihrer rechten Hand.
Also diese konstant völlig übertriebenen
Reaktionen gingen mir auf die ohnehin
vom Koffein strapazierten Nerven.
Ich bat die Damen langsam zurück zu gehen,
während ich mit meinem Hund bis zu der Stelle lief an welcher der Hovi
verschwunden war.
Dort leinte ich ihn ab und ließ ihn suchen.
Nach kurzer Zeit tauchte er mit dem unbeschädigten Halsband auf.
Wieder konnte die Hundefachfrau sich vor Glück nicht fassen
und schmachtete nun meinen vierbeinigen Kumpel an, der das
überhaupt nicht schätzt.
Wir verabschiedeten uns ohne so ein Sprühteil zu kaufen,
haben aber immerhin diese Geschichte mitgenommen,
was ich persönlich auch für wertvoller erachte.


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